Kranken Säuglingen und Frühgeborenen muss die Neonatologie wie eine Folterkammer erscheinen: Mit relativ monströsen Nadeln werden sie bis zu 21-mal pro Tag zum Zwecke der Blutabnahme gestochen. Wie groß die Schmerzen dabei sind, ist ungewiss - dass die Kleinen gar nichts spüren, ist aber sehr unwahrscheinlich.Zwischen 61 und 87 Prozent der Punktionen erfolgen in die Ferse, der Rest sind Venenpunktionen. In 67 Prozent der Fälle wendet der Arzt eine Methode zur Beruhigung des Säuglings an; Schmerzmittel erhalten etwa zwölf Prozent, allerdings meist aus einem anderen Grund. Vor allem jene Kinder, die bei einer ersten Punktion offensichtlich große Schmerzen hatten, weinen beim nächsten Mal besonders stark.
Clinical Evidence untersuchte drei Methoden der Säuglingsanästhesie beim Stich: Süße Lösungen zum Schlecken, Schnuller und topische Anästhetika. Alle wurden mit wahrscheinlich nützlich, der zweithöchsten Evidenzstufe, bewertet.
- Konzentrierte Zuckerlösungen (25-30 Prozent Glukose, Dextrose oder Saccharose) reduzierten in randomisierten, kontrollierten Studien die Schmerzreaktionen (Dauer des Schreiens) im Vergleich mit Wasser und keiner Behandlung. Zuckerlösungen mit niedrigerer Konzentration (10-15 Prozent Glukose) waren unwirksam. Cave: Bei dauerhafter oder extrem häufiger Verwendung der "Zucker-Anästhesie" besteht die Gefahr von Hyperglykämie und nekrotisierender Enterokolitis.
- Schnuller, im Englischen treffend als "Pacifier" bezeichnet, sind als Schmerzstiller ebenfalls wirksam, gemessen an der Dauer des Schreiens nach dem Stich. Doch auch der Klassiker birgt Gefahren: Ein vorübergehender Abfall der Sauerstoffsättigung wurde in Studien regelmäßig dokumentiert.
- Lokalanästhetika (Lidocain-Prilocain-Creme, Tetracain-Gel oder -Pflaster) können Schmerz-Reaktionen bei der Blutentnahme gegenüber Placebo erwiesenermaßen reduzieren. Nebenwirkungen sind selten und meist milde; bei sehr jungen Säuglingen kann die systemische Absorption jedoch höher sein und damit auch das Risiko einer Methämoglobinämie. Ein direkter Vergleich in einer unveröffentlichten Studie zwischen Lidocain-Creme und Zuckerlösung bei 51 Kindern ergab einen leichten Vorteil für die orale Glukose.
JN
Quelle: Deborah Pritchard: Blood sampling in infants (reducing pain and morbidity). In: Clinical Evidence 2006;15:1-2.

