Der Überbegriff "häusliche Gewalt" (Intimate Partner Violence / IPV) subsummiert tatsächliche körperliche oder sexuelle Gewalt, aber auch emotionalen Missbrauch, Drohungen und Zwang durch gegenwärtige oder ehemalige Beziehungspartner.Umfragen in 48 Ländern ergaben eine enorme Prävalenz zwischen zehn und 69 Prozent der Menschen, die mindestens einmal in ihrem Leben zum IPV-Opfer geworden sind. 1,5 Prozent davon im Jahr zuvor. Obwohl auch Männer (heterosexuell und homosexuell) betroffen sind, liegt die Rate bei Frauen 4,6-mal höher.
Aus prospektiven Studien ist bekannt, dass die häusliche Gewalt nach einem ersten Akt bei zwei Dritteln weiter fortbesteht. Eine Fall-Kontroll-Studie bei weißen, berufstätigen Frauen aus der US-amerikanischen Mittelschicht, die in den neun Jahren davor missbraucht worden waren, zeigte erhöhte Prävalenzen von:
- Kopfschmerzen (48% vs. 35%)
- Rückenschmerzen (40% vs. 21%)
- Geschlechtskrankheiten (6% vs. 2%)
- Vaginalblutungen (17% vs. 6%)
- Vaginalen Infektionen (30% vs. 21%)
- Beckenschmerzen (17% vs. 9%)
- Schmerzen beim Geschlechtsverkehr (13% vs. 7%)
- Harnwegsinfektionen (22% vs. 12%)
- Appetitverlust (9% vs. 3%)
- Verdauungsstörungen (35% vs. 19%)
- Bauchschmerzen (22% vs. 11%)
- Gesichtsverletzungen (8% vs. 1%)
Auch nach Anpassung der Daten an Faktoren wie Alter, Versicherungsstatus und Rauchen blieben die Beeinträchtigungen der körperlichen und geistigen Gesundheit bestehen.
Ein systematisches Review identifizierte Risikofaktoren für einen körperlichen Angriff durch den Partner. Dazu gehören:
- Niedriges Bildungsniveau
- Arbeitslosigkeit
- Niedriges Familieneinkommen
- Eheliche Unzufriedenheit
- Niedrige Einkünfte des Partners
- Missbrauchserfahrungen in der Kindheit
- Erfahrung von Gewalt unter den Eltern
- Höhere Level von Wut
- Depression
- Alkoholmissbrauch
- Drogengebrauch
- Eifersucht
- Mangelnde Durchsetzungsfähigkeit des Partners.
Für die Gefahr der Ausübung von seelischer Gewalt konnten diese Risikofaktoren nicht bestätigt werden, da die entsprechenden Studien gravierende methodologische Mängel aufweisen.
Wie Sie effektiv intervenieren
Ein Reviewer-Team von Clinical Evidence wertete die Ergebnisse sämtlicher Interventions-Studien bei weiblichen Opfern häuslicher Gewalt aus. Als wahrscheinlich nützlich stuften sie folgende Maßnahmen ein:
- Rechtsbeistand - eine randomisierte, kontrollierte Studie (RCT) und eine nicht-randomisierte Untersuchung zeigten eine deutlich geringere Zahl an Wiederholungstaten, wenn der betroffenen Frau ein Anwalt zur Seite gestellt wurde. Beide Studien ergaben auch eine signifikante Steigerung der Lebensqualität im Vergleich zu keiner Intervention.
- Kognitive Trauma-Therapie - ein RCT fand eingeschränkte Evidenz dafür, dass posttraumatischer Stress und Depression im Vergleich zu keiner Behandlung nach sechs Wochen deutlich seltener sind.
- Selbsthilfegruppen - die Teilnahme an Gruppensitzungen besserte in einem RCT die wahrgenommene soziale Unterstützung, psychische Verfassung und Inanspruchnahme ärztlicher Hilfe unter Frauen, die in einem Frauenhaus Zuflucht gefunden hatten.
- Notfallplan - ein RCT fand zahlreiche positive Effekte, wenn mit den betroffenen Frauen ein Notfallplan für den Fall eines weiteren Missbrauchs ausgearbeitet wurde.
Kaum Evidenz aus Studien fand sich für folgende Interventionen, die daher in ihrem Nutzen nicht beurteilt werden können:
- Einzel-, Gruppen- und Paartherapien - eine kontrollierte Studie zeigte bessere Stärkung von Selbstbewusstsein und Selbstwirksamkeit durch eine Beratung zur Kummer-Bewältigung als durch feministisch orientierte Beratungen. Eine andere Studie zeigte die Paar-Gruppen-Therapie einer Paartherapie in der Vermeidung von Wiederholungstaten innerhalb von sechs Monaten überlegen.
- Frauenhäuser - der Nutzen von Schutzräumen für Opfer wurde noch nicht in RCTs untersucht. Eine kleinere Kohorten-Studie ergab bessere Prognosen für Frauen, die erst nach einigen Wochen im Frauenhaus wieder in ihre Familie zurückkehrten - aber nur dann, wenn sie noch zusätzliche Hilfen in Anspruch genommen hatten.
Für wahrscheinlich nicht nützlich halten die Reviewer eine einfache, nicht näher definierte Beratung. In zwei kontrollierten Studien und einer Vergleichsstudie waren keine Auswirkungen auf Wiederholungstaten, Depression, Ängste und das Selbstbewusstsein der Opfer erkennbar.
JN
Quelle: Joanne Kevens and Laura Sadowski: Intimate Partner Violence towards Women. Clinical Evidence 2006;15:1-2.

