Ein Flug über mehrere Zeitzonen bringt die innere Uhr aus dem Takt. Bis die körpereigenen zirkadianen Taktgeber sich an den neuen Tag-Nacht-Rhythmus angepasst haben, vergehen einige Tage. Die sehr häufig resultierenden Beschwerden - Schlafstörungen, Tagesmüdigkeit, eingeschränkte Leistungsfähigkeit und generelles Unwohlsein - werden unter dem Begriff Jetlag zusammengefasst.Das von der Zirbeldrüse produzierte "Schlaf"-Hormon Melatonin spielt bei der Anpassung der biologischen Uhr eine tragende Rolle. Dunkelheit schaltet die Melatonin-Produktion an, helles Licht schaltet sie wieder aus. Dementsprechend gilt die medikamentöse Gabe des Botenstoffs schon seit längerem als das viel versprechendste Mittel gegen Jetlag. Ein systematisches, neue Daten berücksichtigendes Review von Clinical Evidence bestätigt dies: Demnach reduziert Melatonin im Vergleich zu Placebo die typischen Symptome, die allerdings nur anhand der subjektiven Einschätzung der Probanden ermittelt wurden. Ob das Interkontinental-Flugzeug dabei Richtung Westen oder Osten anhebt, spielt dabei offenbar keine Rolle. Fazit: wahrscheinlich nützlich.
Schlaftabletten, zur lokalen Bettgehzeit eingenommen, lindern zwar ebenfalls die Symptome, weil sie Qualität und Dauer des Schlafes verbessern. Autor Andrew Herxheimer gibt indes zu bedenken, dass Nebenwirkungen wie Kopfschmerz, Schwindel, Übelkeit und Gedächtnisprobleme den kurzfristigen Nutzen übersteigen könnten. Folglich gelte es diesbezüglich, Nutzen und Schaden gegeneinander abzuwägen.
Kontrollierte Studien, die den Nutzen von Anpassungen des Lebensstils (Verzicht auf Alkohol oder Nikotin) bzw. der Umgebungsbedingungen ermittelten, konnte der EBM-Experte nicht finden. Ergo: unbekannte Wirkung. Nichtsdestotrotz stimmt er dem gängigen Rat zu, an der Flugdestination die Schlafgewohnheiten nach dem tatsächlichen Tag-Nacht-Rhythmus zu richten - und nicht nach der subjektiv empfundenen Müdigkeit.
UK
Quelle: Andrew Herxheimer: Jet lag. In: Clinical Evidence 2006; 15 1-2.

