Etwa ein Drittel aller Kinder unter drei Jahren wird einmal jährlich mit akut aufgetretenen Ohrenschmerzen zum Hausarzt gebracht. Der Blick ins Ohr zeigt ein gerötetes und gewölbtes Trommelfell, Diagnose: akute Otitis media. In dieser Situation verschreiben 97 Prozent der (englischen) Kollegen ein Antibiotikum. Clinical Evidence hat die Antibiose nun auf ihre Evidenz abgeklopft und auch die anderen Interventionen nach der Studienlage bewertet.Aufgrund zahlreicher positiver Studiendaten halten die Reviewer Analgesie mit Paracetamol oder Ibuprofen für wahrscheinlich nützlich zur Symptombesserung. Weniger Evidenz fand sich für die antibiotische Therapie, deren Nutzen und Schaden im Einzelfall gegeneinander abgewogen werden muss. Umgehende Antibiose scheint die Schmerzen in der ersten Woche zu reduzieren und verringert die Wahrscheinlichkeit einer kontralateralen Otitis, ist aber mit gastrointestinalen Nebenwirkungen (Übelkeit, Erbrechen, Diarrhoe) und möglichen Hautreaktionen verbunden. Häufigste Erreger sind Streptococcus pneumoniae, Haemophilus influenzae und Moraxella catarrhalis, für eine Bewertung der einzelnen Antibiose-Regimen untereinander fehlt es noch an Studien. Länger dauernde antimikrobielle Behandlung erhöht kurzfristig den Therapieerfolg, hat aber langfristig keine Vorteile.
Wahrscheinlich nicht nützlich oder sogar schädlich ist nach Ansicht von Clinical Evidence die Myringotomie. In Studien war diese Intervention weniger effektiv in der Symptom-Besserung als Antibiotika. Eine Tympanostomie mit Einsetzen eines Röhrchens zur Ventilation konnte in einer kleineren Studie zwar kurzfristig das Auftreten neuer Infektionen verhindern, erhöhte jedoch die Gefahr von Komplikationen wie einer Tympanosklerose. Langzeit-Prophylaxe mit Antibiotika verhindert effektiv weitere Krankheitsepisoden - bei steigender Nebenwirkungsrate. Kein Medikament hat sich dabei bislang als den anderen überlegen erwiesen. Auch die flächenhafte Pneumokokken-Impfung von Kindern zwischen zwei Monaten und sieben Jahren führte nicht zu einer Verringerung der Inzidenz.
Bei der Beantwortung der Frage "Antibiotika - ja oder nein?" hilft vielleicht die evidenzbasierte Prognose der akuten Otitis media: Unbehandelt verschwinden die Beschwerden bei 60 Prozent der Kinder innerhalb von 24 Stunden, bei 80 Prozent innerhalb von drei Tagen.
JN
Quelle: Paddy O`Neil, Tony Roberts, Clare Bradley-Stevenson: Otitis media in children (akute). In: Clinical Evidence 2006;15:1-2.

