Tinnitus, definiert als Wahrnehmung von Geräuschen in Abwesenheit realer akustischer Reize, ist therapeutisch kaum zugänglich. Der Vergleich mit chronischem Schmerz scheint dabei zutreffend, häufig sind Lebensqualität und Arbeitsfähigkeit der Betroffenen stark eingeschränkt.Nicht selten kommt es in der Folge zur Entwicklung einer Depression bzw. zum Auftreten depressiver Symptome. Doch nicht nur wegen dieser Co-Morbidität wird in vielen Fällen ein Therapieversuch mit Antidepressiva gestartet, um das Pfeifen im Ohr zu beseitigen. Reviewer der Cochrane Collaboration suchten nun nach Evidenz für diese Therapie-Option.
Vier Studien mit insgesamt 405 Patienten untersuchten den Effekt von Trizyklika, eine weitere mit 120 Teilnehmern den Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) Paroxetin. Bei den Trizyklika zeigte sich in allen Studien leichte subjektive Besserung der Beschwerden - ob es sich dabei um eine Besserung des Tinnitus oder um antidepressive Wirkung handelte, konnte allerdings nicht ermittelt werden. SSRI hatten keinerlei Effekt, abgesehen von Besserungen in einer kleinen Subgruppe mit sehr hoher Paroxetin-Dosierung. In allen Verum-Gruppen waren Müdigkeit, sexuelle Dysfunktion und Mundtrockenheit häufige Nebenwirkungen.
Das Fazit der EBM-Experten: "Derzeit gibt es keine verlässliche Evidenz für den Einsatz von Antidepressiva bei Tinnitus."
JN
Quelle: Baldo P, Doree C, Lazzarini R, Molin P: Antidepressants for patients with tinnitus. In: The Cochrane Database of Systematic Reviews (4) 2006.

